Gedanken zur Lanzarote-Reise

Wir wachsen als werdende Menschen in aller Regel in ein anthropo- und egozentrisches Weltbild hinein. Wir erleben die Welt als eine von uns hergestellte Sphäre (Technik/Wissenschaft). Das Wort „Gott“ klingt zumeist nur noch wie ein fernes Echo in unseren Seelen. Georg Lukacs hat diesen Zustand als „transzendentale Obdachlosigkeit“ gekennzeichnet.

Unsere Gruppenreise nach Lanzarote war demgegenüber eine Reise in eine neuartige Energieerfahrung, die mit den zentralen Kräften dieser Erde (Feuer, Erde, Wasser, Luft) in engstem Zusammenhang steht. Denn es ist besonders das vulkanische Feuer, das das „Gesicht“ dieser Insel bestimmt. Der Vulkanismus und mit ihm die Plattentektonik bedingen ohnehin auf die entscheidenste Weise die geochemische Differentiation der Erde und die Bildung der Kontinente, was wiederum für die Entstehung und Evolution des Lebens und die Stabilisierung der Lebensräume essentiell ist. Die sog. „Feuerberge“, die wir z.B. besucht haben, sind (bei aller Massentouristik) eine in diesem Sinne seelenprägende und energieausleuchtende Erfahrung gewesen.

Entscheidend für mich war jedoch ein damit verbundener innerer Erfahrungsraum. So wie man beim systemischen Familienstellen (das wir dort an zwei Tagen ausgiebig praktiziert haben) die Prägekräfte des Schicksals auf eine unnachahmliche Weise kennenlernen kann, so spürte ich, wenn ich – wir wohnten alle in einem kleinen Ort an der Südwestküste Lanzarotes (El Golfo) – morgens (mit bloßen Füßen versteht sich) an den Strand ging und mich an geeigneter Stelle sitzend niederließ, allein schon in den rundgeschliffenen Lavasteinen unterschiedlichster Größe eine in Erstaunen versetzende Kraft, die dann besonders intensiv ausstrahlte, wenn ich einen dieser Steine liebevoll in meine Hände nahm und wie ein Kindchen hin und her wiegte. Was blieb mir darüber hinaus anderes übrig, als dann die Arme auszubreiten und – ich bin beileibe keine Eso, wie man es heute so zu sagen pflegt – die Energie des heranrollenden Wassers, des kieselgebundenen Feuers, der strömenden oder ruhenden Luft und der mich in Inselgröße mich umgebenden Erde zu erfahren. Alle Sinne öffneten sich: meine fast immer geschlossenen Augen sahen, die Haut empfing die Geschenke der salzerfüllten Luft, meine Ohren sprachen mit den rollenden Wellen. Es war eine Situation, in der man die Atmosphäre Gottes gleichsam hautnah erfahren und erleben kann. Ein Strandgebet ohne Worte.

Einmal habe ich meine Worte an die Mächte gerichtet und unwillkürlich an die Wolken, die Seelen des Himmels, geschaut. Ich war mit meinen beiden Kindern schon 2001, nach dem frühen Tode meiner Frau, in Lanzarote gewesen und nun, nach 16 Jahren, der Tag ihres Gehens. Und ich kleidete in meine Worte den Wunsch, die Himmel möchten ihre Seele mir schicken an dem Morgen dieses Tages; als Engel möge sie kommen, und ich glaubte zu spüren, und ich spürte, wie jemand hinter mich trat, auf den leisen Sohlen unbekleideter Füße, jemand aus der Gruppe – und mit dem Namen Angela = Engel. Da bist du ja, sprach es aus mir und der Engel verstand, was ich sagen wollte und flog und ließe Angela zurück, die sich einfach und still neben mich setzte.

Die Aufstellungen, die wir gemacht haben, waren im Sinne dieses Wortes und im Sinne dieser Insel „befeuert“. Wir hatten eine wunderbaren Raum zur Verfügung, der einen Ausblick in einen für unsere Naturerfahrungen extraordinären Garten ermöglichte. Fast jede Pflanze (Kakteen etc.) im Schutz einer steinernen Umhüllung, so wie der Herr die Ureltern noch einkleidete, bevor er sie in die raue Wirklichkeit unserer irdischen Welt entließ. „Vulkanische“ Aufstellungen – ich zögere nicht, diese kühne Metapher zu verwenden. Systemisches Familienstellen muss sich aber solcher Vulkaneizität entgegenstellen, damit die jeweilige Aufstellung nicht magmatisch zerläuft. Aber die obdachgeschützte Energieeinspeisung bildet – ich formuliere bewusst im Präsens – dennoch die entscheidende Basis für die Öffnung der in unseren Seelen erstarrten Kräfte, die hier auf dieser Insel in einer Weise beweglich und damit anschaubar wurden, wie ich das sonst so nicht erlebt habe.

In diesem Sinne möchte ich ein besonderes „Amen“ auch für die nächste Reise zu dieser Insel aussprechen: So sei es auch beim nächsten Mal. Die Kraft, die dieser Insel eignet, wird das ihre dazu beitragen.